Arbeit

1. Anti

Die vierte Doktrin des Pogo-Dogmatismus lautet: “Arbeit ist scheiße”1. Seit der ersten Hälfte der 80er Jahre macht die APPD mit diesem Programm Politik und schafft es damit und mit einer Handvoll Punkern immer mal wieder in die politische Öffentlichkeit. Und sie mag Recht haben, viele Menschen empfinden ihren Broterwerb mit Sicherheit als generelle Beschissenheit. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit werden Menschen von ihrer Arbeit krank oder sterben daran. Und das nicht, weil sie bewusst ein hohes Risiko eingehen, wie es etwa ein Rennfahrer tut, sondern, weil sie keine andere Wahl haben, weil sie bis zur Erschöpfung schuften müssen, weil sie keine ausreichende Sicherheitsausrüstung zur Verfügung gestellt bekommen oder herrschender Leistungsdruck sie in schwere Depressionen treibt. Arbeit heutzutage kann verschiedenste Formen annehmen und sie hat sich im Laufe der Jahrtausende immer wieder verändert. Dennoch bleibt sie bestehen und mit ihr die Erschöpfung. Sie ist so prägend, dass viele Menschen sie zum wesentlichen Bestandteil ihres Selbstbildes machen. Große utopische Entwürfe aus dem sozialistischen Lager handeln davon, sie und ihre Erzeugnisse gerechter zu verteilen, gar, sie ganz abzuschaffen.

Die Kunst wird oft als der Bereich angesehen, der es mit dem Träumerischen, Jenseitigen und Utopischen zu tun hat. Wie verhält sie sich zur Arbeit? Wie verhält die Arbeit sich zur Kunst?

2. Allmächtige Erschöpfung

Als Faust, kurz bevor er die Bekanntschaft mit dem Teufel in Pudelgestalt macht, grübelnd durch sein Labor streift, stellt er sich die Frage, ob es im Johannesevangelium statt des bekannten: “Am Anfang war das Wort”, nicht viel besser heißen müsste: “Am Anfang war die Tat”2. Dieser Gedanke ist in gewisser Hinsicht nicht unplausibel, denn es scheint ja, als ob bereits Gott ein Verständnis von tätiger Arbeit hat, die er sich macht, als er die Welt erschafft. Es scheint fast so, als sei die Logik von Arbeit und Freizeit der Schöpfung übergeordnet. Immerhin war ja offenbar die Schöpfung der Welt so ermüdend, dass Gott den siebten Tag die Arbeit ruhen lässt, wenn man der Genesis glauben darf. Die Überlegung des Dr. Faust steht im Kontext des philosophischen Dualismus von Geist und Materie, weil ja bereits die willentliche Vorstellung einer Erschaffung der Welt die Möglichkeit voraussetzt, dass dies auch getan wird. Was ist die Bedingung der Möglichkeit von Schöpfung? Ist es der Wille oder ist es die Tat? Doch diese Überlegung übersieht die profane Tatsache, dass Gott ruhen muss. So schwebt über allem die Dichotomie von Arbeit und Freizeit. Selbst wenn man der Meinung ist, um die Schöpfungsgeschichte handle es sich um eine ausgedachte, muss trotzdem zugestanden werden, dass immerhin die Überlieferung dieser Geschichte bereits von der offenbar sehr zentralen Unterschiedenheit von Arbeit und Freizeit ausgeht.

3. Arbeit am Selbst

Der transzendenten Entgegensetzung von Arbeit und Freizeit entspricht das weltliche Motto: ora et labora, das den christlichen Benediktinerorden zugesprochen und dessen Ursprung im Spätmittelalter verortet wird. Wiederum nimmt so die Arbeit in der christlichen Lehre eine zentrale Rolle ein. Denn der Zweck dieser proklamierten Disziplin besteht eindeutig darin, durch das rechte Gleichgewicht von Einkehr im Gebet und manueller Arbeit, also irdischer Schaffenskraft, ein erfülltes Leben zu führen Die Erfüllung stellt sich hier nach dem Tode ein, nämlich durch Eintritt ins Himmelreich.

Doch selbst mit der Entdeckung des Subjekts in der Neuzeit und der Relativierung der göttlichen Macht auf Erden durch die Aufklärung und den Fortschritt der empirischen Wissenschaften nimmt der Stellenwert der Arbeit für das Menschenbild nicht ab. Der prominenteste Vertreter einer Philosophie, in dessen Zentrum der arbeitende Mensch steht, ist mit Sicherheit Hegel. Das Kapitel über die Selbstständigkeit und Unselbstständigkeit des Selbstbewußtseins [sic]; Herrschaft und Knechtschaft3 ist ein prägnantes Beispiel für eine Philosophie, die den Zusammenhang von selbstbewusster Subjektivität und schaffender Tätigkeit plausibel macht. Die der Dialektik von Herr und Knecht zugrundeliegende Idee ist, dass Selbstbewusstsein nur dann zustandekommen kann, wenn es sich reflektiert. Und das ist buchstäblich gemeint, insofern Selbstbewusstwerdung bei Hegel von Anerkennung lebt, welche das wichtige Moment enthält, dass ich mich im anderen wiedererkenne. Diese Anerkennung findet eben auch im Werk meiner Arbeit statt. Durch die Entäußerung seiner selbst durch die Arbeit kann sich das Selbstbewusstsein auf sich selbst beziehen.

4. Arbeit für andere

Doch lässt Hegel in dieser Analyse außen vor, dass Arbeit zumeist in einem bestimmten sozialen Kontext geschieht. Arbeit ist nämlich immer mit konkreten Eigentumsverhältnissen verknüpft, die einen bedeutenden Einfluss auf die Qualität der Arbeit haben. Die Bürger der antiken Polis beispielsweise, konnten es sich leisten, körperliche Arbeit als Makel zu betrachten, die den weniger privilegierten vorbehalten ist, denn große Teile der produzierenden und reproduktiven Arbeit wurde von Frauen, einfachen Handwerkern (Banausoi) oder eben Sklaven verrichtet. Der vollgültige (männliche!) attische Bürger musste sich die Hände nicht schmutzig machen. Arbeitskraft war externalisiertes Eigentum. Dieses war ebenso im Mittelalter lange Zeit die Voraussetzung für Wohlstand und gesellschaftlichen Einfluss. Arbeit war mühselig und diente dem Zweck gesellschaftlicher Subsistenz. Anders als bei Hegel triumphiert in einer solchen Situation am Ende nicht der Knecht, denn seine Möglichkeit, sich in seiner Arbeit zu erkennen, ist ihm genommen, da es streng genommen nicht seine Arbeit ist. Seine Arbeitskraft gehört seinem Herrn, die Zwecke der Arbeit sind ihm fremd. Das ändert sich auch nicht in der industriellen Revolution. Entfremdete Arbeit bleibt entfremdete Arbeit. Bis in die Gegenwart besteht der signifikante gesellschaftliche Unterschied zwischen denen, die Arbeiten müssen, und denen, die von der Arbeit anderer leben, fort. Viele sogenannte “Klassiker” gegenwärtiger Literatur handeln mehr oder weniger explizit vom Elend der Arbeiterklasse, man denke an Roald Dahl oder Charles Dickens. Eine der schönsten Darstellungen des trübsinnigen Elends kräftezehrender Arbeit findet sich in Peter Weiss’ Epos: Die Ästhetik des Widerstands:

“Arbeiter sein, das bedeutete, jeden Tag durch den unsäglichen Verschleiß zu gehn und die Kräfte doch zu bewahren, um einmal, wenn es soweit wäre, alles an sich zu reißen. […] Manche Tage vergingen, bei dem gleichbleibenden Hin und Her, dem immer wiederkehrenden Beugen, Strecken, den Handreichungen, in einer Gedankenlosigkeit, die nur unterbrochen wurde von den augenblicken, da wir zwischen den gerundeten Blechwänden des Abtritts auf der Hofschwelle überm Kohlenschacht standen und, in den rauchigen Himmel starrend, unser Wasser ließen.”4

5. Kunst ist Arbeit

Das Interessante an Weiss’ Werk ist, dass der Protagonist nicht einfach nur ein Arbeiter ist, aus dessen Perspektive die fast unerträgliche Situation der Verrichtung industrieller Arbeit im Exil geschildert wird, sondern, dass dieser gleichzeitig an der Erschaffung eines Kunstwerkes beteiligt ist. Er ist nicht nur, als Protagonist in einem literarischen Werk, Teil eines Kunstwerkes, sondern in der Handlung des Werks selbst an der Erschaffung eines literarischen Werkes beteiligt, indem er, neben anderen, für den vor den Nazis nach Schweden geflüchteten Brecht Rechercheaufgaben übernimmt. Um Weiss’ Brecht bildet sich so eine kleine Gruppe deutscher Kommunist*innen im Exil, die gemeinsam an der Verfassung des nächsten großen Werkes unter dem Namen Berthold Brecht arbeiten.

Jede*r, der oder die schon einmal mit der Anfertigung eines künstlerischen Werkes befasst war, wird wahrscheinlich bestätigen, dass das viel Arbeit bedeutet. Das ist auch kein Wunder, denn auch die Erschaffung eines guten Kunstwerkes erfordert zuweilen Fleiß, Übung, Mühsal und Anstrengung, sei sie nun geistiger oder körperlicher Natur. Milton Glaser geht sogar so weit, den Begriff “Kunst” gänzlich zu vermeiden und stattdessen von “Arbeit” zu sprechen und gleichzeitig die mühselige und strapaziöse Tätigkeit des Broterwerbs als “schlechte Arbeit” zu bezeichnen5. Die Äquivokation wird zu Äquivalenz.

6. Aneignung

Die Nachahmung gehört zur Kunst wie das sprichwörtliche Amen in die Kirche. Bereits

Platon thematisiert den Umstand, dass ästhetische Praxis etwas mit Nachbildung von Idealen bestehe, im Kontext einer differenzierten Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen menschlichen Handelns.6 Dieser Grundgedanke ist im Laufe der Geschichte nicht verloren gegangen und lange Zeit galt die möglichst korrekte Darstellung des Originals als Maßstab zur Beurteilung der Qualität eines Werkes. Erst im Zuge ihrer technischen Reproduzierbarkeit hat der Aspekt der Kunstfertigkeit an Stellenwert eingebüßt. Die Drucke Andy Warhols stellen das wohl bekannteste Beispiel für die Auseinandersetzung mit diesem Thema dar. Überaus prägnant betonen die langen Reihen farbiger Kopien des immer selben Motivs die Tatsache ihrer Reproduzierbarkeit. Dennoch zählt Warhol heute allgemein als einer der einflussreichsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

7. Der Umstand wird zum Gegenstand

So liegt es gar nicht einmal so fern, diesen unumstößlichen Umstand der künstlerischen Praxis, dass sie nämlich Arbeit macht, selbst zum Thema eines Werkes zu machen. In der endlosen Wiederholung der zufälligen oder gezielten Anordnung kleiner, bunter Perlen auf den Steckbrettern wiederholt sich die Mühsal industrieller Fließbandarbeit. Die Repetition, Langeweile und Sinnlosigkeit klassischer Lohnarbeit wird hier ironisch zum sinnfälligen Merkmal des kollektiven Werkes. Man möge vielleicht einwenden, dass sich doch die erhabene Arbeit des künstlerischen Genies von der Plackerei des Industriearbeiters unterscheidet. Doch nivelliert der Umstand, dass sich in der kapitalistischen Gegenwart auch Kunstwerke auch der Logik der Warenform beugen müssen, um der Künstler*in einen Broterwerb zu sichern, diesen Unterschied. Dem Markt ist es egal, ob die Arbeiter*in Excel-Tabellen pflegt, Stahlrohre biegt oder Campbells’ Konservendosen druckt. Das Unangenehme der Arbeit wird im Kunstwerk, das die Arbeit selbst zum Thema hat, außer Kraft gesetzt, denn das Werk genügt sich selbst. Gerade weil die Fremdbestimmung wegfällt, wird die Langeweile parodiert. Die vordergründige Zwecklosigkeit des unbeadable space wird zum Kontrapunkt sinnloser Arbeit im Kapitalismus.

1 Prinzipien und Doktrin des wissenschaftlichen Pogo-Anarchismus, http://appd.info/wp-content/uploads/2021/06/appd_wissenschaftlicher_pogo-dogmatismus.pdf, (Stand: 20.10.21)

2 Goethe: Faust, Vers 1237

3 vgl. Hegel, Phänomenologie des Geistes.

4 Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands, zweiter Band I, S. 94.

5 vgl. Milton Glaser: Kunst ist Arbeit.

6 vgl. Platon politeia, 401a

Thomas Lassner
hat in Bonn Philosophie und Musikwissenschaften studiert. Neben einem Promotionsprojekt an der HBKSaar bestreitet er seinen Broterwerb als Onlineredakteur. Er forscht und arbeitet an einer Metatheorie der Utopie. Zu den wichtigsten Strängen seiner Arbeit gehören der Deutsche Idealismus, allen voran die Hegelsche Dialektik, sowie eine intensive Auseinandersetzung mit ideologischen Formationen wie Rassismus und Antisemitismus. Gegenwärtig resultiert das in einer umfassenden Beschäftigung mit Kritischer Theorie, insbesondere der Negativen Dialektik. Ausgehend von Adornos utopischen Hoffnungen in Bezug auf die Kunst untersucht TL ästhetische Theorie und Praxis einschließlich ihrer Vermitteltheit in soziale Konstellationen. Unbeadable Space fügt sich als ein praxeologischer Anwendungsfall in seine Forschung ein.

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